21. Januar 2007

Sensorama :: Konzept

I. Intention

Die audiovisuelle Installation „sensorama“ ist als Metapher zu verstehen: Kommunikation und Nähe der Menschen führen zu Harmonie und einer positiven Atmosphäre. Oder anders ausgedrückt: zu einer positiven Aura des Raumes, in dem sich die Menschen befinden. Für die Besucher der Installation wird erfahrbar, dass ein Miteinander – in diesem Fall, dass die Menschen den Mut haben, aufeinander zuzugehen – eine Stimmung und Atmosphäre des Wohlfühlens erzeugt: Töne, Bilder und Licht in der Installation artikulieren dieses. Verharren die Menschen am Rande des Raumes und gehen nicht aufeinander zu, werden Töne, Bilder und Licht eine eher abweisende, negative Raumstimmung erzeugen.

SENSORAMA macht also für die Besucher ganz konkret deutlich, ja körperlich erfahrbar: Kommunikation und menschliche Nähe führen zu einer positiven Grundstimmung, Vereinzelung und Isolation lassen Kälte und Distanz entstehen. SENSORAMA zeigt, dass es eine Abhängigkeit zwischen menschlicher Nähe bzw. Distanz und der Aura eines Raumes gibt: Das Verhalten der Menschen zueinander bestimmt das Raumgefühl. Die Installation lässt die Besucher spüren, dass zwischenmenschliche Kommunikation die Voraussetzung zu Verständigung und Verständnis ist.

Mensch-Raum-Beziehung:
„Es ändert sich die Art, in der die Menschen miteinander zu leben gehalten sind; deshalb ändert sich ihr Verhalten; deshalb ändert sich ihr Bewußtsein und ihr Triebhaushalt als Ganzes. Die ‚Umstände‘, die sich ändern, sind nichts was gleichsam von ‚außen‘ an den Menschen herankommt; die ‚Umstände‘, die sich ändern, sind die Beziehungen zwischen den Menschen selbst (Norbert Elias, Über den Prozeß der Zivilisation, 1969, II., S. 377).“
Der durch seine Studien über Zivilisationsprozesse anerkannte Norbert Elias hat sich in seinem Werk systematisch mit der Entstehungsgeschichte von Verhaltensnormen und Affektregulierungen Auseinandergesetzt. In seinem Zitat wird deutlich, dass der den Mensch umgebende Raum und dessen Wirkung auf ihn immer ein Produkt des Menschen selbst ist. Der Raum wirft also seine durch den Menschen bewirkte Beschaffenheit auf den Menschen zurück. So entsteht eine in stetiger Wechselwirkung stehende Beziehung des Raumes zum Menschen und umgekehrt. Menschliche Interaktionen sind immer an ihre Umwelt, an das soziale Gefüge, dem sie angehören, gebunden, existieren also nie isoliert davon. Der Maßstab ist hierbei skalierbar. Stets ergeben sich daraus Verflechtungsstrukturen zwischen den Beteiligten und dem Raumgefüge.

Der Raum ist Abstraktum und messbare Dimension zugleich. Er ist in unserem Sprachgebrauch fest integriert und findet vielseitig Verwendung. „Lebensraum“, „Wohnraum“, der öffentliche Raum, Raum für Begegnung, die Raumgestaltung. Überall begegnet uns diese sprachliche Wendung: der Raum.

Als dreidimensionale Wesen sind wir unweigerlich mit dem uns umgebenden Raum verknüpft. Kein Mensch ohne Raum. Kein Raum ohne Mensch. Die Alltäglichkeit des Begriffs macht ihn schwer fassbar, zugleich aber umso interessanter:
Wie steht der Mensch mit seiner Umgebung in Beziehung, welche Verflechtungen gibt es? Welche Wechselwirkungen sind möglich? Wie kann der Raum und seine Wirkung auf den Menschen fühlbar gemacht werden? Wie kann sich diese Sensitivität auf den Menschen auswirken und wie kann man sie für den Menschen steuerbar machen? Und formen, steuern und manipulieren Menschen im umgekehrten Fall durch ihr Handeln, bewusst oder unbewusst, diese Räume nicht auch?
SENSORAMA soll eine Möglichkeit bieten, diese Fragen zu erfahren, spielerisch und mit der dem Menschen angeborenen Neugier. Räumliches Erfahren: Intuition oder Systematik?

Verständigungs- vs. Erfolgsorientierung:
„Soziale Interaktionen sind mehr oder weniger kooperativ und stabil, mehr oder weniger konfliktuös oder unstabil.“ (J. Habermas, „Moralbewusstsein und kommunikatives Handeln“, Suhrkamp Verl., Frankfurt a.M. [1983], S. 144 f.) Beim kommunikativen Handeln lassen sich die Akteure aufeinander ein, indem sie sich aufgrund ihrer separaten Ziele auf ein neues, gemeinsames Ziel einigen, nach welchem sich ihr Handeln ausrichtet. Das Einverständnis wird kommunikativ erzielt.
Sofern die Akteure ausschließlich am eigenen Erfolg orientiert sind, versuchen sie, ihre Handlungsziele durch Verhandlungsmittel (z.B. mit Waffen, Geld, etc.) durchzusetzen und ihren Gegenüber zu manipulieren. Erfolgsorientiert handelnde Personen verhalten sich also strategisch, dergestalt, dass für die eigene Person maximaler Nutzen resultiert. Wie kooperativ und stabil diese Verbindung sein wird, hängt in erster Linie von deren Interessenlagen ab.

Die Art der Interaktion und deren Resultat ist also abhängig von den Motiven der beteiligten Personen. Damit wird deutlich, dass ein Aufeinandertreffen nicht automatisch zu mehr Harmonie führen muss. Es kann im umgekehrten Fall sogar totale Disharmonie auslösen. Wichtig zu verstehen ist aber, dass sich Disharmonie in der Regel durch mangelnde bzw. fehlgeleitete Kommunikation entwickelt.
In der Installation werden diese sozialen Zustände und die Wechselwirkungen mit ihrer Umgebung, also dem sie umgebenden Raum, thematisiert und erlebbar gemacht.

II. Ziel

Das Ziel des SENSORAMA ist die Interaktion zwischen den Besuchern. Indem das gesamte System darauf ausgerichtet ist, dient SENSORAMA sozusagen als Medium, als erweiterter (Sinnes-)Kanal, über den man sich miteinander verständigen kann und soll.

Der Philosoph Emmanuel Lévinas rückt „den Anderen“ in den Mittelpunkt der Betrachtung. Die Bedeutung unserer Mitmenschen muss gewürdigt werden. Die Begegnung und Beziehung mit anderen Menschen ist fundamental für unser Weltund Selbstverständnis. Deshalb fordert er, Initiative zu zeigen, indem man auf Andere zugeht…
Die Installation verdeutlicht dem Menschen, dass ein Aufeinander-Zu-Gehen, also ein gegenseitiges Öffnen und Kommunizieren, zu einer Reaktion im gesellschaftlichen Gefüge führt, in diesem Fall zu Harmonie. SENSORAMA zeigt metaphorisch die Auswirkungen menschlicher Nähe. Der Besucher erfährt, dass das Erzeugen und Steuern einer harmonischen Atmosphäre ohne großen Aufwand möglich ist. SENSORAMA wird auch zeigen, dass es eine Abhängigkeit zwischen menschlicher Nähe und deren unmittelbaren Umwelt gibt, und dass es von den Menschen selbst und ihrem Verhalten zueinander abhängt, ob sich ein positives Raumgefühl einstellt.

SENSORAMA fungiert als Vermittler und regt zum Austausch untereinander an. Die Installation fördert zwischenmenschliche Kommunikation und kommunikatives Handeln als Voraussetzung zu Verständigung und Verständnis anderer Menschen sowie fremder Kulturen.
Versinnbildlicht wird dies in der Installation durch die Verwendung der Distanzen als Steuerelement und damit als Metapher für das „Aufeinander-Zu-Gehen“. Gerade die Simplifizierung dieses Sachverhaltes soll dem Besucher die Quintessenz zwischenmenschlicher Interaktion vor Augen führen.
Diese gegenseitige Abhängigkeit zwischen Menschen und ihrer Umwelt ist eine Kernerfahrung dieser Installation. Das Erfassen und Erleben von ganz essentiellen zwischenmenschlichen Verhaltensregeln ist hier auf spielerische Weise erfahrbar. Licht, Bild und Musik erschaffen eine spannungsvolle, emotionale Erfahrung, die den Raum als abstrakte Ebene erlebbar macht, ihn realistisch bis völlig verzerrt als Abbild der eigenen Interpretation erscheinen lässt.

Umsetzung

Die Raumatmosphäre reagiert interaktiv auf das gegenseitige Verhalten der Menschen zueinander. Durch Positionswechsel und die damit verbundenen Distanzen verändern die Besucher Projektion, Akustik und deren Wirkung auf den gesamten Raum. Bewegen sich Personen innerhalb des Raumes voneinander weg, so wird die Stimmung unangenehmer und die Raumatmosphäre wird zunehmend negativer. Bewegen sich die Besucher aufeinander zu oder bildet sich eine Gruppe, die die gegenseitige Nähe zulässt, so wird die Gesamtwirkung aus Bildern und akustischen Elementen insgesamt harmonischer. Grundsätzlich ist jeder eintreffende Besucher des Raumes ein Fremdkörper und Störfaktor, der vom Gesamtsystem ablehnend behandelt wird. Seine Integration findet erst durch sein Agieren oder das Reagieren der anderen Individuen statt.
Die von namhaften Video & Sound Designern produzierten Beiträge sind themenbezogen und bilden zusammen mit den Besuchern dieses teils virtuelle, teils reale Raumgefüge.

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